Donnerstag, 11. Juli 2013

Stille im Trollwald







Soolem, der sinnlose Moortroll


Dies ist wohl eine der traurigsten Geschichten im Trollwald, die je erzählt wurde. Es ist sehr sehr lange her, es muss zu Zeiten gewesen sein, als die alte Scabea gerade ihre Höhle bezog um die Kristalle zu polieren, ganz in dem Glauben, es gäbe niemand anderen mehr im ganzen Trollwald außer den Tieren und sie selbst, da tauchte ein wunderschönes Wesen zwischen den Bäumen auf. An seinen Namen kann sich niemand mehr erinnern, doch es soll so hell, wie der Mond in der Nacht gewesen sein, mit silbernem Haar bedeckt und Augen so groß und blau wie zwei Seen.

Es sprach zu den Rehen und den Hasen, den Vögeln und den Regenwürmern. Es erzählte ihnen vom Sinn des Lebens und wie wichtig es sei, füreinander da zu sein und die Welt in der man zu Hause ist, mit Liebe zu pflegen. Zu dieser Zeit waren die Tiere im Wald glücklich und der Baum der Phantasie wuchs in diesen Tagen weit über sich selbst und seinen eigenen Schatten hinaus.

Doch eines Tages geschah dieses schreckliche Unglück. Es zog eine Wolke auf und drohte mit Regen, doch die Wolke hatte eine seltsame Farbe. Von weit her sah man sie kommen, von dort, wo die Menschen lebten. Das silberne Wesen wusste zu gut, was die Menschen aus den riesigen Schornsteinen ihrer ausgebrannten Köpfe trieben und wenn der Wind ungünstig wehte, konnte das ein böses Ende nehmen. 
Die Tiere machten große Augen, als sie die Wolke sahen und das Wesen, weise wie es war, schickte alle Tiere in eine nahe gelegene Höhle und befahl ihnen, den Eingang mit einem Stein zu verschließen. Gerade, als der letzte Vogel in der Höhle verschwand und der Eingang verschlossen wurde, grollte es auch schon böse vom Himmel herab und es wurde dunkler und dunkler. 
Das Wesen sah besorgt zur Wolke rauf, die sich tief violettgrün über ihm auftürmte, und es wusste was kommen würde, eilte zum Fluss, der den Baum der Phantasie tränkte und begann, riesige Blätter über sein Bett zu legen. Auf keinen Fall dürfe das Wasser der Wolke in diesen Fluss fallen, dies würde das Ende des Trollwaldes bedeuten und das Wesen rannte so schnell es nur konnte und riss die großen Blätter aus dem umliegenden Moorboden. Doch die Wolke war bereits über ihm und bevor es das letzte Blatt über die letzte Flussbiegung legen konnte, ergoss sich das giftige Wasser über das Land. Verzweifelt stürzte sich das lichte Geschöpf über den Fluss um ihn zu schützen, und damit die  Regentropfen nicht über die letzte freie Stelle in den Fluss gelangen konnten, riss es seinen Mund weit auf und trank das vom Himmel fallende Wasser, so lange, bis die Wolke abgeregnet war. Der Rest des Giftes versickerte im Moor und ließ dort innerhalb von Stunden alle Pflanzen und Bäume sterben. 

Als es aufgehört hatte zu regnen, sank das silberne Wesen in sich zusammen, sah sich um und erkannte die toten Bäume und Pflanzen und wusste, dass hier so bald kein Tier mehr  etwas zu fressen finden würde. Diese saßen verängstigt in ihrer Höhle und das Wesen wusste, dass sie verhungern würden. Sein Opfer hatte keinen Sinn gehabt und es spürte, wie das Gift seinen Körper zu quälen begann. Sein silbernes Haar fiel zu Boden. Hier und da kann man es heute noch unter großen Steinen finden. Das arme Geschöpf sah keinen anderen Ausweg mehr, als sich im Moor zu ertränken und stieg langsam hinein, doch es ertrank nicht, so sehr es auch versuchte, seinen Kopf in die braune, schwere Tiefe zu drücken, es konnte einfach nicht sterben. Seither versucht es immer und immer wieder seinen Tod im Moor zu finden, bis die Kräfte schwinden und es wieder auftaucht und von weit her hört man es leise weinen.  Der Wald ist längst wieder bewohnt und es wachsen auch wieder die Bäume und Pflanzen und die anderen Trolle, die mittlerweile hier leben,  gaben ihm den Namen Soolem. Immer noch sucht Soolem den Sinn all dessen, was an diesem fernen Tag geschehen ist. Seine einstige Schönheit wich diesem furchtbaren todesähnlichen Antlitz, vom Schicksal und seiner Trauer entstellt schleppt er sich nachts durch die Moorlandschaft und sucht immer noch nach einem Sinn. 
Und nun wisst ihr auch, warum er der „sinnlose Moortroll“ genannt wird. Wenn ihm nur einer sagen würde, dass der Trollwald und der Baum der Phantasie nur deshalb überlebt haben, weil er das giftige Wasser getrunken hatte, dann wäre vielleicht seine verzweifelte Sinnsuche endlich zu Ende.
Als Scabea ihn vor einigen Jahren das erste Mal zu Gesicht bekam, erschrak sie beinahe zu Tode. Doch als sie ihn so kläglich weinen hörte, brach ihr fast das Herz. Die ganzen Jahre denkt sie nun darüber nach, wie sie dem armen Soolem helfen könnte. Letzte Nacht kam ihr dann die rettende Idee. Kuno, der alte Troll, er kümmert sich doch so voller Hingabe um den Baum der Phantasie, kennt alle seine Wurzeln und Geheimnisse. Vielleicht weiß er einen Weg, wie man Soolem seinen Sinn wieder geben kann. Scabeas Kristallpulver hat bei Soolem versagt, er bekam Angst und dachte, Scabea wolle ihn vergiften und sprang sofort wieder ins Moor um sich zu ertränken. Seither wagt sie sich erst mal nicht mehr in seine Nähe. Doch Kuno würde sicher etwas einfallen und so schrieb Scabea einen langen Brief an ihren alten Freund. 
Viele Tage hatte sie in ihrer Höhle gewartet, als endlich die kleine Taube angeflogen kam mit diesem seltsam roten Brief. Als sie ihn öffnete, fand sie ein Bild darin. Kuno hatte eine Straße gemalt, die sich mitten in einer scheinbar leeren Landschaft einfach nach oben kringelte und aufhörte. Lange Stunden haderte und grübelte Scabea über dieser Nachricht, bis sie sie nachts in einem wilden Traum entschlüsselt hatte und es kam der große Geistesblitz! 

Am nächsten Morgen machte sich Scabea sofort auf um den Moortroll aufzusuchen, doch dies erzähle ich in einer anderen Geschichte...

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