Freitag, 20. Februar 2015

Turmfall



Es war ein erhebendes Gefühl einen Turm aus Bauklötzen oder später aus Legosteinen zu bauen, alle Konzentration in den Aufbau und die Struktur zu lenken, kaum einen Gedanken zu denken und nur Stein auf Stein zu setzen und sich an dem höher und höher werden zu erfreuen. Und dann war es so weit, es kam der magische Augenblick in dem die Hand ausholte und dem Turm im unteren Drittel einen Hieb versetzte und man dieser geheimnisvollen Vergänglichkeit beiwohnen durfte. Der Anblick des zusammenbrechenden Gebildes, verlieh ein Gefühl von Macht, Macht über das eigene Handeln. Was ich erschaffen habe, darf ich auch wieder zerstören. 
Ich weinte dem Bauwerk keine Träne nach, denn es hatte keinen Sinn, wenn es so stehen blieb. Der Bau war der Zweck und diesen hatte ich erfüllt und nun brauchte ich Raum für Neues.  So dachte ich und erfreute mich am Turmfall. 

Doch die Freude währte nicht lange. Entsetzt sah man mir über die Schulter und beschimpfte mich ob dieser Tat. „Warum machst du jetzt alles wieder kaputt?“ tönte die entsetzte Frage über meinen Kinderkopf hinweg. „Der schöne Turm!“ Ich sah in die vorwurfsvollen Gesichter der Erwachsenen und schämte mich in dem Gefühl, etwas Verwerfliches getan zu haben. Das Turm bauen verlor seinen Sinn und ich stellte es allmählich ein.
 
Viele Jahre später, als meine bis zuletzt unterdrückte Pubertät gewaltsam ihren Weg nach draußen bahnte, fühlte ich Ähnliches wie beim kindlichen Turmbau. Ich baute und strukturierte Tagesabläufe, Vorhaben, Ideen aber auch Beziehungen zu anderen. Besonders empfindlich waren jene Verbindungen, die ich zu meinen erwachsenen Bezugspersonen pflegte. Ich empfand diese Verbindungen oft als „schadhaft“ und wieder ertappte ich mich dabei, wie ich, diesmal verbal, zum Schlag ausholte um Unbrauchbares von Brauchbarem zu trennen, Gesundes von Krankem. Und wieder starrte man mir entsetzt ins Gesicht. „Du machst alles kaputt!“ hieß es wieder mit bitterer Enttäuschung im Tonfall. Sätze wie „wenn du dies, oder jenes tust, wird alles kaputt gehen, was uns verbindet!“ Drohungen, vor denen ich einen Heidenrespekt hatte und allmählich den Glauben an sie in mir felsenfest verankerte. Bis heute. 

„Ich will nichts kaputt machen“… lieber halte ich mich zurück, als etwas unwiederbringlich zu zerstören. Ich hatte nur zwei bewegliche Varianten, Aufbau und Zerstörung. Wenn beides nicht funktionierte, gab es eine dritte Variante, die war jedoch nicht beweglich, sie hieß Stagnation, alles möglichst so halten wie es ist. Nichts verändern, nichts aus dem Gleichgewicht bringen, denn dies befördert die Wahrheit ans Tageslicht über mein wirkliches Empfinden und dies würde wieder die Konsequenz der Zerstörung einfordern. 

So habe ich es über drei Jahrzehnte praktiziert. Das war sehr anstrengend. Irgendwann glaubte ich, es gäbe gar keine anderen Varianten auf dieser Welt, als die meinigen. Dann kam eine Phase, in der ich glaubte, unter meiner Stagnation zu ersticken. Die Situation wurde lebensbedrohlich und ich sah mich gezwungen zu handeln. Ich brach aus der gewohnten sicheren Umgebung aus. Wieder holte ich aus, setzte zum Schlag an und zerstörte, gleichzeitig baute ich Neues auf. Lange haderte ich mit den Scherben, die ich zurückgelassen hatte und mich drückte das Gewissen. Die Frage, ob es nicht auch hätte anders gehen können quälte mich lange. 
Mein Bestes wollte ich jetzt geben, aller Welt zeigen, dass ich es kann und ich begann wieder Türme zu bauen, schöne Türme und dies tat ich mit einer solchen Vehemenz, dass ich nicht wahr zu nehmen vermochte, wie lückenhaft meine Bauten waren, welche Beweggründe hinter meinen Aktionen standen, dass auch andere an ihnen mitgearbeitet hatten, ohne dass ich steuernd darauf eingewirkt hätte. Und wieder unterschied ich Gesundes von Krankem und diesmal verharrte ich nicht unbeweglich in meiner Lage, aus Angst vor Zerstörung, Verletzung. Weit holte ich aus und kappte den Turm im unteren drittel. Ich sah, wie er fiel in alle seine Einzelteile zerbrach. Die Freude darüber blieb aus, denn schmerzlich rissen auch wohlgemeinte Verbindungen, schmerzlich zeigten Illusionen ihr wahres Gesicht. Doch gleichzeitig fühlte ich bereits die Wunden heilen und eine neues Gefühl von Freiraum entstehen.
Nichts bleibt wie es ist – scheinbar ein Gesetz des Universums, dem ich mich beugen will, denn so sehr eine Trennung auch schmerzt, sie schafft den Boden für Neues. Der Mann mit der Sense geht um und zieht den Pflug hinter sich her.  Das Leben wird zum Ackerland, zerfurcht und aufgewühlt, bereit, Neues wachsen zu lassen. Ein ganz natürlicher Vorgang… das kleine Kind hatte es gewusst.
Zurück bleibt die Frage, ob es immer der Sensenmann mit dem Pflug sein muss oder ob es nicht eine friedlichere Kultivierung meines Lebensbodens gäbe – einfach weniger exzessiv?


Dienstag, 27. Januar 2015

Der Goldgräber im Katzenklo - ein Märchen




Eines frühen Morgens, es war noch keine vier Uhr, bebte der Boden unter seinem Bett so heftig, dass er trotz seines hohen Alters die dürren Beine mit einem Ruck über die Bettkante warf. Es war keine Zeit mehr, in die Pantoffel zu schlüpfen, oder in den alten kratzigen Morgenrock. Im Schlafanzug hetzte er zum Fenster und starrte ins Morgengrauen.

Im Garten vor seinem kleinen Haus rüttelte der Wind am trockenen Gestrüpp. Die Sonne würde bald wieder ihre sengenden Arme in den Boden stecken und dem spärlichen Gemüse den letzten Tropfen Wasser rauben.
Im Fluss war nicht mehr all zu viel vom silberblau schimmernden Nass und die Tiere versammelten sich tagtäglich an den selben tiefen Wasserlöchern. 

Das was den alten Mann seit so vielen Jahren in dieser Gegend hielt war das Gold im Fluss. Immer wieder fand er ein kleines Stückchen, wusch es mühsam aus dem Sand und unterhielt sein karges Leben und seine Leidenschaft damit.
Ein paar Jahre würde er vielleicht noch haben und was sollte er tun, als das, was er schon sein Leben lang tat und am besten konnte, nach Gold suchen. Was ihn trieb war diese Leidenschaft. Sie packte ihn jeden Morgen von Neuem und seine Geduld schien grenzenlos. Er glaubte immer noch, nach so vielen Jahren Schufterei an den einen großen Fund. Er ging einfach einer Ahnung nach, die ihn hin und wieder überkam, wenn er in der Nähe des Flusses war. Oft lauschte er dem Fließen des Wassers und der Fluss schien ihm zu erzählen, was tief in ihm verborgen lag. Er sehnte sich nicht nach Reichtum, wie es die anderen Goldgräber taten, er glaubte einfach daran, dass im Gold ein Geheimnis verborgen war und er eines Tages diesem Geheimnis auf die Spur kommen würde. 

Der Alte war schon immer etwas sonderbar, doch was er diesen Morgen am Fluss erspähte, lies ihn an seinem Verstand endgültig zweifeln. Ein Tier, so groß, wie ein Haus, auf vier Beinen, erhaben und stolz dreinblickend erhob es sein Haupt und blickte weit über die Landschaft. Es spitzte die Ohren und für einen Augenblick glaubte der alte Goldgräber es würde zu ihm rüber sehen.
Der Alte rannte barfuß über den staubigen Boden, der fallende Stuhl kümmerte ihn nicht und er riss in einem Ruck die Haustüre auf. Wie versteinert stand er nun vor seinem kleinen Haus und starrte auf dieses Tier, welches sich im dämmrigen Morgenlicht anmutig bewegte. Einer schlanken Katze glich es mit einem langen Schwanz und glänzendem Fell. Es neigte seinen Kopf zum Wasser hinab und begann zu trinken. Es dauerte nicht lange und der Fluss leerte sich.

Besorgt verfolgte der Alte das Spektakel und sah all seine Hoffnung und Zukunft samt dem Wasser in der Katze verschwinden. Das Tier hatte seinen Durst gelöscht, der Fluss war ausgetrocknet und die Augen des seltsamen Wesens schienen den Alten nun wirklich zu durchbohren. „Durch deinen Schmerz wirst du dein Glück finden!“ hörte man die Worte des Tieres über das Land zu dem Alten Goldgräber hinübergrollen. Dann begann die Katze ihre Farbe zu verändern, das braune Fell begann zu glänzen, wurde zu Gold und erleuchtete den Tag heller, als die Morgensonne es jemals hätte tun können. Sie hatte alles Gold aus dem Fluss geholt und in sich gesammelt. Der alte Mann fiel auf seine blanken Knie und weinte. Das Gesicht in den Händen vergraben versuchte er dem grellen Schein des Lichtes zu entkommen. Als er wieder aufzuschauen wagte, sah er, wie das große Tier ins Land zog und am Horizont verschwand.

Traurig und nachdenklich ging er in sein Haus zurück. Er aß sein letztes Stück Brot, trank die Milch seiner Ziege, füllte den Rest in eine Flasche und zog sich seine Kleider an. Den Rucksack auf dem Rücken ging er in den Garten und ließ die Ziege frei, pfiff dem Hund, der sich daraufhin mühsam erhob, sein staubiges Fell schüttelte und seinem Herrn folgte.
Nur den Spaten nahm der Alte Mann mit sich und folgte damit einer Stimme in sich, die ihm flüsterte, was er zu tun habe.
Mit seinem Hund ging er in den Tag hinein, der Sonne entgegen, die erbarmungslos vom Himmel regnete. Sie folgten der Spur der großen Katze, denn nur sie konnte der Sinn für seine Reise sein von der er nicht wusste, wohin sie ihn führen würde.
Seine Gedanken kreisten unaufhörlich um all die Tage, die er am Fluss verbracht hatte, die kleinen leuchtenden Goldstückchen, die er bergen konnte und die gerade so reichten um ihm am Leben zu erhalten. Wieder und wieder trat ihm die Frage, ob sich denn all die Mühe gelohnt habe in die immer leere Magengrube. Das schmale Gesicht des Alten war gegerbt von der Sonne, jede Falte zeigte die Art, wie er ins Leben sah und hätte er einen Spiegel gehabt, hätte er sehen können, wie schön dieser Anblick war, aber er hatte keinen. 

Drei Tage war er mit seinem Hund gegangen und es war längst keine Milch mehr in der Flasche, da setzte sich der Alte unter einen kargen alten Baum. Dem Hund hing die Zunge aus dem Hals und seine Augen waren matt und blinzelten, als wolle er der Wirklichkeit entfliehen. Das verfilzte Fell klebte an den Knochen, das Fleisch brauchte keinen Platz mehr. Als der Alte am Morgen darauf erwachte, lag der Hund im Staub und rührte sich nicht mehr. Nun diente dem Goldgräber der Spaten um das Grab für seinen Freund zu schaufeln. 

Fünfzehn lange Jahre war das treue Tier an seiner Seite und freute sich mit ihm über jeden Fund. Nichts bleibt wie es ist, dachte der Alte und legte den Hund in das Loch im Boden. Er wusste, den Rest seines Weges wird er alleine gehen müssen, diese Mühsal konnte er nicht einmal seinem Hund zumuten und der Hund wusste es. Vor den Füßen des Mannes erhob sich ein kleiner Hügel, das letzte, was an Freundschaft erinnerte, eine Freundschaft mit einem empfindenden Wesen, das mit dem Schwanz wedelte, wenn es sich freute und dem das Wasser aus den Augen laufen konnte, wenn es traurig war. Es hatte sein Ende gefunden, das Wesentliche suchte sich seinen Weg in einen anderen Raum einer anderen Zeit.
Der Alte war noch nicht so weit, das Neue lockte ihn und gab ihm Kraft. Mit dem Spaten in der Hand trat er in den Tag. Er hatte längst die Flussbiegung hinter sich, die er sonst von seinem Haus aus am Horizont noch erblicken konnte, hier musste die Katze entlang gegangen sein. Der Boden war sandig und es wuchs kein Grashalm mehr. Allmählich machte sich ein eigenartiger Geruch bemerkbar und der Alte wusste, dass er diesem folgen sollte.

Plötzlich bemerkte er eine künstliche Anhäufung von Sand. All zu lange kann dieser Haufen nicht dort gelegen haben, denn er war noch feucht. Hier muss ein großes Tier gegraben haben. Er nahm seinen Rucksack ab, der Wind kühlte augenblicklich seinen nass verschwitzten Rücken.
Dann begann er, mit dem Spaten die Anhäufung aufzugraben, der beißende Geruch wurde immer stärker, er grub tiefer und tiefer. Plötzlich stieß er auf etwas Festes. Die Sonne brannte auf die dünne Haut seiner Schultern und färbte sie rot. Der Rücken schmerzte bei jedem Spatenstich und das alte Herz hämmerte erbarmungslos hinter den Rippen. Jeder seiner Atemzüge glich dem Hieb eines Messers in der Brust und das Blut wurde dicker und dicker, wie die Finger seiner Hände, die fast zu platzen drohten.
„Was suchst du hier!?“ rief die sonst so sanfte Stimme in seinem Inneren, oder war es eine andere?
Der Alte hielt inne, holte mühsam Luft und lächelte. Die Stimme hatte recht, er wusste nicht einmal, wonach er suchte, sondern grub, getrieben von einer Vorstellung, einer Ahnung, einer Vision für die ihn jeder vernünftig Denkende schallend auslachen würde.

Er sah vor sich auf den Boden, und stellte fest, er gräbt die Exkremente einer Riesenkatze aus dem Sand. „Ein Goldgräber im Katzenklo!“ keuchte der Alte aus dem trockenen Hals und lachte fast ein wenig höhnisch über sich selbst. Sogar sein Hund hatte sich rechtzeitig von ihm abgewandt und aus dem Staub gemacht.
„Das kann man keinem erklären“, murmelte er vor sich hin, wischte sich den Schweiß von der Stirn und grub weiter. Und wieder fühlte er unter dem Spaten etwas Festes, hackte einige Male darauf herum und es splitterten kleine Teilchen von einem harten Stück Katzenkot. Der aufsteigende Gestank zog brennend durch die knorpeligen Nasenflügel des alten Mannes und selbst die dichte Behaarung konnte ihn nicht aufhalten. 

Welch ein Leid hatte der Alte schon auf sich genommen in den Jahren seiner Goldsuche. Als kleiner Junge schon musste er mit seinem Vater gehen und mühsam das Gold aus dem Sand waschen und wie oft fühlte er den harten Knüppel auf dem Rücken, wenn er etwas von dem feinen gelben Staub verloren hatte. Er träumte von einer Welt, die sein Vater nicht zu kennen schien und in der Schule haben sie ihn ausgelacht, getreten und angespuckt.  Später hatte er  Frau und Kinder verloren in einer Dürrezeit, ist des Nachts in seinem Bett überfallen und halb totgeschlagen worden. Seine Hoffnungslosigkeit, die wie eine heimtückische Krankheit an seinem Herzen klebte hatte er eines Tages überwunden, seine Wunden waren alle abgeheilt, die Narben so geschmeidig, dass er sich immer noch bewegen konnte, jetzt würde er auch diesen Tag überstehen und den Stein, den ihm dieses riesige Tier hinterlassen hat bewältigen. Aber warum musste es ausgerechnet dieser Stein sein, der so erbärmlich stank? Was trieb ihn dazu, zu glauben, in ihm sei das Geheimnis verborgen, das es zu befreien galt? Sein Leben lang hatte er auf diese Stimme vertraut, die ihm immer wieder flüsterte, was als nächstes er zu tun habe, welchen Weg er einzuschlagen hat. Er hatte niemals den Reichtum erlangt, den andere errungen hatten, hatte sich nie rechtzeitig in Sicherheit gebracht, wenn andere längst in ihren Verstecken verschwunden waren. Wie ein tapferer Krieger stand er auf der Steinwüste und lies sich die empfindsame Haut seiner Seele verbrennen, während er anderen eine Brücke war über den reißenden Fluss des Schicksals. Warum nur hat er das getan? Was ist ihm geblieben, nach all dem? Arm und abgemagert wie sein alter Hund stand er nun hier in der sengenden Hitze, die Zunge aus dem Halse hängend und setzte seine letzte Hoffnung auf ein Stück Katzendreck. Er musste von allen guten Geistern verlassen sein. Und mit dieser Erkenntnis setzte er noch einmal zu einem harten Schlag an und der steinige stinkende Klumpen fiel entzwei.

Der Sand um ihn schien zu vibrieren, als würde Klang durch die Erde fahren und Muster in den Boden zeichnen. Der Spaten fiel aus der knochigen Hand und begrub sich im Staub. Schon immer war er leicht, der kleine alte Mann, der nichts als Haut und Knochen war, doch nun fühlte er die Schwerkraft nicht mehr, Sand und Boden verschwammen unter ihm, als stünde er auf Wasser. Seine müden braunen Augen füllten sich mit Leben beim Anblick dessen, was sich hier vor seinen Augen offenbarte. Die sonst so harten Schläge seines Herzens schwollen an, als würden Götter Pauken schlagen. Er sank auf die Knie und breitete die Arme aus. Vor ihm strahlte das schönste und blankeste Gold der Welt, es musste alles sein, was je in diesem Fluss gelegen hatte und das noch keiner hatte finden können. Zwei große Scheiben, erhaben glänzend wie Kristallglas blinkten ihn an. Der Alte traute seinen Augen nicht, als er sein Abbild darin sah. Viele Jahrzehnte hatte er in keinen Spiegel mehr geschaut. Alt ist er geworden, ja, sehr alt und die wenigen Haare auf seinem Kopf waren schneeweiß. Doch sein Lächeln war verklärt und zeugte von einer Welt, die vollkommener nicht hätte sein können. In seinen Augen schimmerte ein goldenes Licht, so rein, so klar und voller Liebe, dass es mit nichts zu vergleichen war. „Das bin ich“ hauchte er andächtig aus und in diesem Augenblick sah er in der anderen Hälfte des Spiegels viele Gesichter von all den Wesen und Kreaturen, die sein Leben gekreuzt oder begleitet hatten. 

Da war sein Vater und der alte Mann erschrak,  er sah seine Frau und die Kinder, den Freund seiner Kindertage, die alte Tante mit dem Bonbonglas, die kantige wortkarge Lehrerin, seine Kumpels aus der Goldgrube, seine Schafe und die Ziegen, der Hund und viele viele andere, die ihm mehr oder weniger nahe standen. Doch da waren auch die Gesichter seiner Feinde, der Diebe, die ihn bestahlen und schlugen, all die Menschen, die ihn gequält und tyrannisiert hatten, erst sah er sie lachen, dann jedoch senkten sich ihre Häupter und sie vergossen bittere Tränen und er erkannte all ihren Schmerz, der sie zu Kreaturen der Angst werden ließ. Er fühlte seine eigene Angst, den eigenen Schmerz und in diesem Schmerz sah er, wie sich die Bilder der zwei Spiegelhälften zu einem vereinten, wie die Gesichter all der anderen mit seinem eigenen verschmolzen. Was er nun erblickte erfüllte sein erschüttertes Herz  mit all dem, was er sich je ersehnt hatte, es war das vollkommene Gesicht der Welt, das Gesicht des Lebens, was in seinem schimmernden Glanz zum Antlitz eines Gottwesens heranwuchs. „Das also sind wir“ flüsterte der Alte mit zitternder Stimme und hauchte den letzten seiner Atemzüge aus, während das Herz in seinem Tanz ehrfurchtsvoll verstummte. Der Sterbende sank in sein Grab und bedeckte das Gold mit seinem Körper. Schwere Wolken verdunkelten den Himmel und ließen es nach vielen Jahren wieder regnen. Dicke Wassertropfen prasselten auf den heiligen Ort, so lange, bis der Sand das Geschehen bedeckt hatte und darauf ein Baum zu wachsen begann. 

Der Fluss führte wieder Wasser und tränkte die Tiere und das Land, das die Menschen um ihn herum bestellten. Und wieder waren Goldgräber an seinen Ufern und suchten nach kleinen leuchtenden Steinchen.
An einer Stelle nahe des Flusses stand ein großer alter Baum in dessen Schatten sich oft eine Katze zum Schlafen legte. Hin und wieder blickte sie auf und betrachtete einen mageren alten Goldgräber.

Donnerstag, 1. Januar 2015

Zwischen den Welten - miteinander



Winterregen hüllt mich in ein finsteres Violett und treibt mir die lichtfarbenen Spitzen von Wortfetzen eins nach dem anderen, unsensibel unter die Haut. 
Schleichwege in die Untiefen meines Inneren entgehen meiner Aufmerksamkeit und ich vermag nicht einzufangen, was auf deren Mitten und Seiten sich tummelt. 


Es ist entsetzlich kalt am Straßenrand und ich gehe wieder einen Schritt und starre in spiegelnden Asphalt um mich im nächsten Augenblick umzudrehen… und dich anzusehen, doch mein Blick verliert sich in der Zwischenzeit im Zwischenraum und trifft dich nicht mehr. Ich höre es klirren, als er zu Boden fällt, und folge dem Fluge tausend kleinster bunter Splitter. 


Unterwegs sind wir, und nicht nur wir, von einer Zeit in die andere wandern wir durch eine unkonstante Unbekannte, welche uns mutwillig fallen lässt, während wir immer noch glauben, Fehler zu begehen. Wir proben das Fallen und Aufstehen, üben das Sterben und das Wiedererwachen, feiern Erfolge und niemand applaudiert. 


Es zerreißt die Zeit den Raum und gaukelt uns spielend Wirklichkeiten vor, die wir für Wahrheit halten um sie im nächsten Augenblick aus dem Blickfeld gleiten zu sehen und uns zweifeln lassen am Sinn unserer Aktionen.


Still weinen wir um ein ungelebtes Leben, welches tief in unseren Katakomben mumiengleich verharrt und auf Entwickelung wartet, doch wir halten weiter fest am falschen Stab im Glauben, er führe uns aus der Wüste und laufen weiter im Kreis während unsere Kinder verdursten.


Ich kreise kreischend um meinen Gedanken und zerschelle an der nächsten Wand und wieder fliegt mein Blick zu dir während ich hoffe, ihn einzuholen, um dir endlich nahe zu sein, so nahe, wie ich es nie war, noch nie war und vielleicht nie sein werde, denn ich müsste mich verlassen um bei dir, um in dir zu sein. Meine heiligen Höhlen müsste ich entweihen, in denen ich geboren wurde und ganz sicher würde ich allmählich darin sterben und deshalb bleibe ich in der Zwischenwelt, den einen Fuß im Alles, den anderen im Nichts und fühle mein Zerreißen, tagtäglich zerreiße ich ein Stück weiter und am Ende werde ich Narbe sein, gestählt durch einen andauernden Schmerz, umhüllt von fragilen Gedanken.


Ich sehe hinunter in den Spiegel des violetten Winterregens, lasse meine Träne auf seine Oberfläche perlen, das Bild der Realitäten verzerren und mir verständlich machen. Doch weinende Augen lassen sich schwer tragen, ich senke ihre Lider und der Fluss versiegt in Vergessenheit. Ein Ruck im Rückgrat erinnert mich an meine Größe, welche unsichtbar bleibt und ich agiere unbemerkt in unverschämter Sicherheit, bereit mich zu verantworten, jenen, welche sich verfragen an mir. 


Verstört blicke ich auf die Wunden der anderen und sehe rohes Fleisch hinter weißen Gardinen. Grotesk appetitlich verwundet und mit vermeintlich brillierender Intelligenz gekrönt, drückt diese so schwer aufs Herz, dass es bricht unter der Last. Metallene Bruchklänge in finsterem Vakuum. 


Wahrhaftigkeit ist augenblickliches Empfinden, so tief – so raumgreifend aus mir schöpfend, dass nichts mich leugnen könnte. Ich erhebe ein weiteres Mal mein Haupt und meine Lider, und das Glas meiner Augen bricht alles Licht aus der Welt und formt es zu einem atemberaubenden Bild, welches ich endgültig in dir versenke auf dass du mich nicht mehr zu vergessen vermagst. Liebe mich wahrhaftig, wenn du begreifst, was die Welt damit meinen mag und vergiss mich dabei, denn ich habe keine Bedeutung.


Der Winterregen weicht dem Wind, es springt ein weißer Reiter durch die Wand, entreißt mein altes Sein und entflieht in unfassbare Vergangenheit. Ich löse mich, verbinde neu… entwirrte Netze, baue einen Fels und verankere mein Sein im Glauben an eine Wirklichkeit welche ich teilen mag – mit dir.



Samstag, 27. Dezember 2014

Zwischen den Jahren - ein Resümee


 
Weihnachten ist die Zeit der Liebe, des Schenkens und beschenkt werdens. Wir wissen es alle und im Grunde mögen wir es nicht, dieses überschüttet werden von Angeboten der vorweihnachtlichen Glitzerwelt in den Kaufhäusern und gnadenlos überfüllten Weihnachtsmärkten.
Dennoch, man steht unter Druck, wieder das gleiche Ritual wie jedes Jahr zu vollführen und ein Zeremoniell abzuhalten, welches von uns als Familienmitglied erwartet wird. 


Ich weiß nicht, ob es Einbildung war, aber dieses Jahr erlebte ich die Menschen um mich herum in einer Art von nervlicher Anspannung, die mir auf diese besondere Weise etwas fremd erschien. Es war nicht nur negativ, auch eine große positive Erwartung war vorhanden. Ich hoffe nur, dass sich diese Erwartungen weitgehend erfüllt haben. 


Vielleicht war es aber auch meine eigene besondere Lebenssituation, die mir mein Umfeld auf diese Weise vor Augen hielt, meine eigene hochsensible Brille, die ich dieses Jahr scheinbar trage.
Das Bild, welches ich durch diese Brille betrachten konnte, möchte ich jetzt gerne beschreiben.
Im Moment lebe ich alleine in meinem urgemütlichen Dachboden eines alten Fachwerkhauses,  mehr oder weniger mitten in meinem Maleratelier. Das Haus steht in einem idyllischen Dorf und ich bin umgeben von lauter liebenswerten Menschen. Wenn ich aus dem Fenster sehe, breitet sich eine wunderschöne Landschaft vor mir aus. Mitten durch schlängelt sich ein Waldweg tief in ein Tal hinein in dessen Mitte ein kleiner Teich zum Verweilen einlädt. 


Womit habe ich ein solches Glück verdient? Diese Frage stellte ich mir oft in diesem Jahr und ich fand eine Antwort. Ich verdiente mir mein Glück mit dem Mut, den ich Anfang des Jahres aufbrachte, meine alte Haut abzustreifen und mich endlich auf den Weg zu machen, das zu sein, was ich wirklich bin. Und dies ist wahrlich kein leichtes Unterfangen. Zu sein was ich bin hat nichts damit zu tun, welchen Job ich ausübe, wie viel Geld ich verdiene oder in welchen materiellen Nöten ich bin.
Jeden morgen stehe ich früh auf, fahre zur Arbeit und wische viele Quadratmeter Boden, Tag für Tag immer das Selbe, mal mehr mal weniger Schmutz, mal mehr mal weniger Kontakt zu meinen Kollegen. Das Reinigen von Toiletten tut meinem Selbstwert keinen Abbruch. 
Ich bin was ich bin, auch dort und dies ermöglichte mir, Aufgaben zu übernehmen, die nicht gerade zum Tätigkeitsfeld einer Reinigungskraft gehören. Meine Kreativität wurde an allen Ecken gebraucht und geschätzt. 


Ich gehe über den Tag verteilt auch anderen Aufgaben nach, verdiene meinen Unterhalt, so wie es mir gerade möglich ist, lebe zwar am Existenzminimum und in ständiger Ungewissheit, aber ich brauche die restliche Zeit für meine Kunst und den Selbstausdruck, den ich darin finde. Ich werde das Gefühl nicht los, dass es eine Zeiterscheinung ist, dass die Lebensentwürfe der Menschen einem Wandel unterzogen sind, dass viel mehr Flexibilität gefordert ist, als es einst der Fall war. Nichts bleibt wie es ist. Das wurde mir in diesem Jahr sehr deutlich vor Augen gehalten. Das Leben erwartet von mir die Bereitschaft, dies anzunehmen und mich dieser Tatsache anzupassen. Tue ich es nicht, werde ich daran zerbrechen, wie ein Baum im Sturm.
Die Akzeptanz des Verlustes spielt dabei eine wesentliche Rolle. 


Auch Beziehungen verändern sich, die unguten wurden beendet, neue wahrhaftige Beziehungen geknüpft und Altem wirklich Wertvollem wurde die Chance gegeben zu genesen und wieder aufs Neue zu erblühen. Alles wird sich ändern, auch mein wundervolles Leben hier an diesem gesegneten Ort, wird wieder sein Ende finden, wird aber einem Lebensentwurf weichen, der voll und ganz auf mein wahres Sein abgestimmt ist. Dieser Raum den ich mir gemeinsam mit dem Menschen schaffen werde, der sich als mein „Fels in der Brandung“ über viele Jahre bewiesen hat, wird mir den Platz lassen, den meine Seele braucht, um atmen zu können. Denn diesen Raum sollten wir uns gegenseitig lassen.


Die letzten Monate gaben mir die Chance zu erkennen, was es heißt, zu lieben. Meine Vorstellung von Liebe war zu einem finsteren Bild verkommen und daran waren viele und vor allem sehr alte Ereignisse beteiligt.
Atmen – der Seele wieder Luft lassen, damit sie sehen und fühlen kann, gibt diesen Raum frei, in dem wir der Liebe wieder begegnen. Wer nicht lieben kann erkrankt an Geist, Seele und am Ende auch am Körper. Lieben ist wie atmen, ein und aus in aller Ruhe, in Frieden aber ebenso mit einer klaren Vehemenz, die deutlich zeigt, wo die Grenzen verlaufen zwischen dem Innen und dem Außen, dem Ich und dem Du, wo Verschmelzung gestattet und Abstand vonnöten ist. 


All diese Erkenntnis durfte ich in diesen wundersamen Weihnachtstagen zur Entfaltung bringen und sie erwiesen sich als „wirklich“ im Sinne von wirksam.
Ich bin erfüllt von Frieden und Dankbarkeit. Jetzt – denn ich weiß um die Stürme, die folgen werden, ebenso weiß ich um meine eigene Biegsamkeit, die es mir ermöglicht unter dem schwersten Stein hervorzukriechen und wieder aufzustehen, mich weit zum Himmel aufzurecken und mich in verschiedenste Richtungen auszudehnen.
Eine Seele in Bewegung bricht nicht…

In diesem Sinne wünsche ich allen einen wundersamen Übergang ins neue Jahr 2015

Sonntag, 14. Dezember 2014

Heute ist ein besonderer Tag



Wer vorne fliegt ist einsam, denn er sieht die anderen nicht, die ihm folgen.
Es sind Wegesucher, Pfadfinder, Bergführer, alte Zugvögel, welche die Route kennen, weil sie sie schon hundert mal geflogen sind. Sie fliegen vorne weg in einsamen Höhen im blinden Vertrauen, ihr Ziel irgendwann zu erreichen. Wer hinterher  fliegt fühlt sich geborgen, gut aufgehoben, weil da ein anderer ist, der den Weg kennt, man kann die Verantwortung ein Stück weit los lassen und sich den Gegebenheiten anvertrauen. Das erleichtert und gibt Sicherheit.

Doch, was ist, wenn es keinen mehr gibt, der vor ihnen fliegen kann, weil keiner den Weg so gut kennt, wie sie selbst – dann werden sie einsam. Aber sie sind nur Menschen, fehlbar und sterblich. Selbst der geübteste Flieger kann sich irren und auch er geht dem Tod entgegen, wie jedes lebende Wesen. Auch er kennt die Angst und dann ist da niemand, der vor ihm fliegt und den Weg weist, kein Bergführer, der sicher das Seil in der Hand hält und einem sagt, wohin man treten muss. Sie verankern ihre Seile selbst in den steilen Wänden, tragen die Verantwortung alleine und sind sich darüber bewusst. Da weht ein eisiger Wind in diesen Höhen und wer friert muss warten, bis es wieder warm wird.

Sie wissen es, wissen um die rasch wechselnden und harten Klimabedingungen und dennoch, sie gehen weiter, fliegen, auch wenn die Kräfte nachlassen, denn, was sonst sollten sie tun. Wer vorne fliegt, tut es, weil er es muss und er muss es, weil er es kann. 

In einem Flug über den Ozean hält man nicht einfach an, das würde den Tod bedeuten, also, fliegt man, solange, bis man sein Ziel erreicht hat. 
Es waren die Flüge, die harten Bedingungen selbst, die sie zu dem gemacht haben, was sie sind – Pioniere des Lebens.
Weit ab vom Trivialen wandern sie, die Heiler, die Helfer, die Philosophen, die Künstler, die Forscher und Erfinder und viele viele andere. Trotz ihrer großen Anzahl sieht einer oft den anderen nicht, weil sie im Nebel fliegen müssen.
Das Einzige was bleibt ist der Glaube, die Gewissheit dieser inneren Stimme folgen zu müssen. Sie allein erzählt diese wahrhaftige Geschichte vom ewigen Leben der Seele und dem Sinn ihres Seins. 

Irgendwann, wenn man lange genug alleine geflogen ist, wird man bescheiden. Es macht sich Dankbarkeit breit, dafür, dass man an einem unendlichen Bewusstsein teilhaben darf und seine Sinnesorgane nutzen kann um dieses Leben wahrnehmen zu können. Denn unsere Wahrnehmung macht uns zu dem, was wir sind. Und wir können uns sicher sein, dass wir längst nicht alles wissen und nicht jede Fähigkeit nutzen, die noch im Verborgenen liegt.

Es ist völlig gleich, welches Gewand wir in diesem Leben tragen, welch einer Tätigkeit wir nachgehen, in jedem unserer Augenblicke können wir wahrhaftig SEIN.
Eindruck und Ausdruck sind die beiden Kräfte, die uns auf unseren Flügen nach vorne treiben, und der Verarbeitungsprozess im Inneren ist das Feuer, welches in unserem Motor brennt. Jeder Tag, an dem wir diese Erkenntnis wie ein rettendes Serum durch unsere Adern pumpen, ist ein besonderer Tag.

Donnerstag, 11. Dezember 2014

Stille



Fragend steht die Stille im Raum
fordert mich heraus zum Reden
doch ich antworte nicht
schweige wie ein trotziges Kind
und stemme mich gegen das
was jetzt will
dass ich bin
doch ich weine
in meine Einsamkeit hinein
und die Welt wendet sich ab
ich zittere
weil es Angst macht
dieses Fremde in mir
als kenne ich mich nicht
finstere Vögel tragen ihr Gefieder
mitten durch mein Inneres
und hinterlassen
kalten Wind
ich lasse ihn verwehen
und drehe mich um
hin zu dem was wärmt
bedeutungsloser
als der Schmutz
unter meinen Fingernägeln
finde ich mich wieder
vor mir selbst
und kann mir nicht helfen
die fragende Stille bohrt sich ins Gehör
raubt mir den Sinn für Klarheit
sie lässt mich erschöpft
auf mein Lager sinken und
mich stur dem Tage verweigern
ich will nicht
nicht jetzt
nicht so
und auch nicht anders
die Zeit bleibt stehen
und ich mit ihr
ein Uhrzeiger verliert
seinen Sinn
und verharrt im Moment
die Stille legt endlich
ihr singendes Schwert
in die Tiefe und schweigt
ich halte das Gleichgewicht
an der Grenzlinie
zum Nichtsein
und sehe im Schimmer
der Finsternis
das was ich zu sein scheine
der Schein wirft sein Licht
auf das meine
uns löscht sich aus
es verwirft sich die Bedeutung
einer Nichtigkeit
löst meine Fesseln
und schenkt mir Freiheit
schweigend steht die Stille
breitet ihren Mantel aus
über den Tag
und lässt mich endlich
in meinem Frieden
ruhen.



Montag, 24. November 2014

Herbst




Ein Flug durch Nebel
wie ein Blatt im Herbst
verlebt und Farbe verloren
so schwebe ich durch Zeit
jede Gegenwehr
erfüllt den Sinn nicht mehr
ich lass mich treiben
falle auf ein festes Fundament
gebe mich dem hin
was ich jetzt werden soll
löse mich von Altem
bewege mich fragil
und jeder Windhauch lässt mich frieren
das Grau über den Hügeln
treibt mich in den Kerzenschein
und ins Gebet
Hoffnung und Vertrauen
ist das Pflaster meiner Seele
ein Verband
der den Bruch zusammenhält
und ihn heilen lässt
während ich warte
und bete
in die Stille hinein
umarme ich mich selbst
und wecke die Sehnsucht
dem eigenen Keim zu entsprießen.

Dienstag, 21. Oktober 2014

... und nenne es Liebe



Es will sein
und es ist
umgeben von Wärme und Wasser
schwebend genährt
es schlägt ein Herz
regt sich
bewegt sich
führt die Hand zum Mund
schmeckt und verinnerlicht
träumt
von Lauten
schwelgt in Stimmen
bedeutungslos
lauscht und schläft
wacht und greift
streckt sich aus
und stößt an Grenzen

Grenzen rücken näher
bedrängen
fordern Reaktionen
verlangen Wachheit
machen sich bewusst
es will
und kann nicht
Grenzen werden enger
es kämpft dagegen an
erinnert sich
will Weite zurück
bekommt sie nicht
es will sein
wird mehr
hat keinen Platz
Mangelbewusstsein
es verlagert sich
sucht Freiraum
streckt sich
wird eingeengt
will sich Ausdruck verleihen
und kann nicht
es will
der Wille wird laut
schmerzhaft
es richtet sich
bahnt einen Weg
die Wärme wird hart
presst und schiebt
die Haut schmerzt
erster Gewaltakt
entstellt das Gesicht
droht Knochen zu brechen
raubt die Wärme
treibt es aus
in trockene Rauheit
in gleißendes Licht
Stimmen überlaut
erste Härte
erste Kälte
Trennung
Angst
der Mund reißt auf
zieht das Außen nach innen
schafft Ersatz
für eine durchtrennte Bindung
eine verlorene Welt
und atmet

ich bin
ich suche
ich sehne
will Vertrautes zurück
will jetzt Inneres auffüllen
das Außen nach innen holen
es nähert sich die Hand
Wärme beruhigt
zwei Augen in meine
erste Nahrung
ich sauge sie ein
ein Weg in die alte Welt
Bindung
nicht loslassen
Ähnliches zu Ähnlichem
Gegensätze machen Angst
drohen mit Trennung
Trennung ist Schmerz
erste Erfahrung
erster Entwurf
für ein späteres Bild
tausende Male überarbeitet
entstellt
von mir und der Welt

Heute
Fühle immer noch 
Sehnen nach Bindung
Sehnen nach Heimat
nach Einbettung und Vertrautheit
nach Ursprung
und gleichsam
nach Freiraum
Bewegung - Entwicklung
 
Sehnen fordert Hingabe
Hingabe öffnet die Seele
Sehnen bündelt Energie
und richtet sie auf ein Ziel aus
will es einverleiben
in den Körper
in die Seele
will mich hingeben
mich verlieren
im Anderen
im Außen
suche Ausgleich
im Kampf
zwischen Ich und der Welt
zwischen Wille und Sein
Haben und Geben
ergebe mich am Ende
allen Gegensätzen
löse Angst auf
in der Vorstellung
von Vereinigung
mit mir und der Welt 

Ein-sam...
 
lege ich die Waffen nieder
und fühle Leben
fühle ein tiefes „Ja“…

und nenne es Liebe.






Fliehen

  Es reißt das Leben Lücken In dein Auffangnetz Unbarmherzig Unvermutet Ohne Vorbereitung Es will halten, es will schützen ...